Fulvio Ventura kommt am 13. Januar 1941 in Turin auf die Welt.
Schon als Teenager begeistert sich der junge Ventura für Jazz: Während seiner Schulzeit im klassischen Gymnasiums, als der Unterricht nur am Morgen erteilt wurde, verbringt er ganze Nachmittage in der USIS (United States Information Service) wo er sowohl die Zeitschrift Down Beat als auch das Buch My Camera on Point Lobos von Edward Weston entdeckt. Es ist seine erste Begegnung mit der Fotografie, aber die Praxis liegt noch in weiter Ferne. Ventura widmet sich anfangs der Malerei und besucht häufig die Ateliers der Maler Sergio Saroni, Piero Ruggeri und Aldo Mondino.
Nach dem Abitur schreibt er sich an der medizinischen Fakultät ein mit dem Ziel, sich auf Psychiatrie zu spezialisieren. Er studiert dort zwei Jahre lang, aber die Zustände in den psychiatrischen Anstalten (noch vor den von Professor Basaglia eingeführten Reformen) veranlassen ihn das Studium aufzugeben.
Er zieht nach Mailand, wo er vier Jahre lang mit großem Interesse an der Philosophischen Fakultät studiert, ohne aber einen Abschluss zu machen. In seinem vierten Studienjahr arbeitet er als Bildredakteur für die Zeitschrift Protagonisten. Im Jahre 1966 lernt er im Alter von 25 Jahren den großen Fotografen Ugo Mulas kennen und bietet sich ihm als sein Assistent an. Fulvio will fotografieren lernen.
Fulvio frequentiert während seiner Studienzeit außerdem einen beliebten Treffpunkt der antifaschistischen Studentenbewegung, das Haus der Kulturen. Hier lernt er die Philosophiestudentin Anna de Lorenzi kennen und verliebt sich in sie. Während einer Reise nach London 1967, genauer gesagt bei einem Besuch des Marktes von Camden Town wird Fulvio Zeuge, wie Anna ihr letztes Geld für ein Exemplar von A Midsummer Night’s Dream von Shakespeare, illustriert von Arthur Rackam aus dem Jahr 1929, ausgibt. Er beschließt ihr einen Heiratsantrag zu machen. Sie heiraten 1969 in Ghiffa, einem Dorf am Ufer des Lago Maggiore, genau da, wo sie auch später ab den 80er Jahren leben werden. Anna wird zeitlebens Fulvios Lebensgefährtin bleiben und darüber hinaus Assistentin seiner meisten Fotoarbeiten sein.
Zwischen 1967 und 1968 interessiert er sich kurz für die Fotoreportage. Die Fotos des deutschen marxistischen Soziologen und Aktivisten Rudi Dutschke, die auf einigen von Giangiacomo Feltrinelli herausgegebenen Plakaten zu sehen sind, sind von ihm. Er verfolgt zusammen mit Anna und dem gemeinsamen Freund und Fotografen Mario Dondero den Protest des Mai ’68 in Paris. Doch diese Art von Fotografie befriedigt ihn nicht und er wird sie bald aufgeben, um sich seiner eigenen Fotografie zuzuwenden. Wenn er sich an diese Zeit erinnerte, schreibt er: Es schien mir, als ob ich eine ganz andere Art des Fotografierens im Vergleich zu den traditionellen oder den mehr oder weniger engagierten Fotos der 68er -Bewegung entdeckt hätte. Er arbeitet mit Alberto Sanavio für die Literaturmesse, wo er Schriftsteller wie Eugenio Montale, Alberto Moravia und Julio Cortazar kennenlernt und fotografiert.
Es folgen Jahre von großer Intensität: Eine Reise in die Türkei und die Begegnung mit dem Sufismus, die Entdeckung der Denkweise des Philosophen, Musikers und Mystikers Georges Ivanovič Gurdjieff aus dem Kaukasus, sowie das Beschäftigen mit dem tibetischen und dem Zen-Buddhismus und der chinesischen Philosophie, prägen die Bildung von Ventura sowohl im philosophischen als auch im musikalischen Sinne. Venturas Fotografien können sich nicht unmittelbar in verbales Denken übersetzen lassen und beziehen sich oft auf Träume. Treppen sind eines seiner wiederkehrenden Themen, Räume ohne definierbaren Anfangs- und Endpunkt.
Auf den Spuren des mysteriösen taoistischen Ch’i, der Drachen und der verschiedenen Genius Loci, fotografiert Ventura Himmel, Wolken, Nebel, Hügel, Täler, Schluchten: Das Thema wird er Han Shan nennen. Er fotografiert auch Holz, Unterholz, Bäume, Sträucher, Kräuter, Blumen, Kakteen, Baumrinden: Das wird er Phusis nennen. Ventura wird diese Themen ein Leben lang weiterentwickeln.
Es gibt weitere wichtige Referenzen, die zur Realisierung und ständigen Weiterentwicklung von Sagacity beitragen. Dazu gehört der surrealistische Roman Nadja von André Breton, in dem der Zufall den Protagonisten dazu bringt, sich in Nadja und deren Betrachtungsweise de Welt zu verlieben. Nadja ist mit Bildern illustriert, darunter, Ventura weist darauf hin, Eugene Atget Fotografien. Oder auch, Die goldene Vase von E.T.A. Hoffmann: in einer Dimension, die zwischen dem Realen und dem Unwirklichen schwebt, erzählt die Geschichte vom Archivar Lindhorst, dem König der Salamander und seinen drei Töchtern.
1979 stellt er bei den Rencontres de Photographie d’Arles und im selben Jahr in der Galerie der Nationalbibliothek in Paris aus, wo bis heute viele Fotografien erhalten sind.
1985 ermöglicht ihm eine Reise nach Kaschmir, neue Lichtverhältnisse zu entdecken und neue Bilder in seine Fotoserien aufzunehmen.
Eine neuere Arbeit bezieht sich auf die Stadt Venedig, die Ventura bei Besuchen seiner Freunde Guido Guidi, Professor am Architekturinstitut in Venedig, und Giovanni De Zorzi, Musiker und Ethnomusikologe in Ca‘ Foscari, kennenlernt. Als Francesca Fabiani ihm mit einem Auftrag die Teilnahme an der Ausstellung Rischio Paesaggio 2007 im MAXXI, Nationalmuseum der Künste des 21. Jahrhunderts, vorschlägt, fotografiert Ventura die Stadt in einem prekären Gleichgewicht aus Touristen und verlassenen Orten. Eines Tages wird Ventura während der Aufnahmen von seinem Freund Mario Govino begleitet, der mit einen paar persönlichen Bildern zur Serie beiträgt. Die Fotos in Farbe, Format 50×60, werden im MAXXI Rom aufbewahrt.
Aus diesen digitalen Experimenten entstehen neue Farbfotoserien: Herbes Folles, Flora, Blumen, Filla, Blätter, Dendra, Bäume, und weitere Serien, die alle zum großen Kernthema Phusis, Natur, gehören. Inspiriert von dem berühmten Tipp von Leonardo da Vinci, die Flecken an den Wänden genau zu beobachten, um die Vorstellungskraft zu fördern, ist auch die Serie Mauer hervorragend und Rindschau.
Und schließlich können wir diese biographischen Notizen nicht beenden, ohne einige der anderen Leidenschaften von Fulvio Ventura in Erinnerung zu rufen, die ihn parallel zur Fotografie, sein Leben lang begleiten werden: